#1 Zur ewigen Frage nach der besten Tao-Te-King-Übersetzung von Yamamoto 12.02.2021 23:18

Es gibt eine faszinierndene Menge und (inhaltliche) Vielfalt von Tao-Te-King-Übersetzungen.

Aber was ist "die beste" Tao-Te-King-Übersetzung???
Was man als eine gute oder gar beste Übersetzung bezeichnen kann,
ist wohl Geschmackssache. Es gibt nämlich eine Reihe von Kriterien, die man als Bewertungsgrundlage verwenden kann.

Folgende Kriterien lege ich zugrunde:
1) Welche inspiriert mein Denken am meisten, welche begeistert mich am meisten?
2) "Nähe" zum Original
3) Umfang der der Darstellung (kürzer ist mir lieber)
4) (inhaltliche) innere Stimmigkeit
5) Wortwahl (nach Möglichkeit harmonisch, in sich stimmig, flüssig, nicht alt-backern; Reimform finde ich eher unangenehm)
6) Menge der enthaltenen Aphorismen

Das erste Kriterium ist mir am wichtigsten,
zwischen den anderen 5 vermag ich keine Präferenzen angeben.

Ich habe von Anfang Dezember 2020 bis zum 8. Februar 2021 insgesamt 44 (!) deutsche Übersetzungen in Buchform und eine Reihe von (auch englischen) Übersetzungen in pdf-Form gelesen / überflogen. Dabei habe ich nicht Buch für Buch sondern Abschnitt für Abschnitt durchgearbeitet. Ich habe all diese Übersetzungen kapitelweise verglichen. Es war extrem faszinierend, die unterschiedlichen Übersetzungen "nebeneienanderzulegen". Ich habe dabei die Kapitel der Übersetzungen der Übersetzer einzeln (völlig subjektiv) bewertet und dann eine Gesamtnote (für die Übersetzer) vergeben. Mit ging es darum festzustellen, welche der Übersetzungen ich zukünftig ernsthaft studieren will.

Die für mich schönsten Übersetzungen erwiesen sich dabei die folgenden:
Kirchner, Knospe/Brändli, Yamada/Keller.
Eindeutig am besten gefällt mir Kopp.
Warum, kann ich aber nicht an speziellen Punkten festmachen.

Das war nur der Einstieg meiner Arbeiten am Tao Te King.
Mein derzeitiger Zeitplan ist:
- Febuar bis Anfang Mitte März:
Leider keine grösseren Aktivitäten, da dies nicht mit beruflichen Belastungen nicht vereinbar ist
- März: Einstieg in das IGing
- Ab April: vertieftes Studium des Tao Te King
dass heisst:
1) Nun lese/studiere ich auch alle Kommentare und Interpertationen denen ich habhaft wurde
2) Jeden Monat konzentriere ich mich nur auf ein einziges Kapitel
3) Ich schreibe meine eigene Übersetzung / Interpolation
Das ist der Plan; bin gespannt, ob es wirklich so kommt
(eigentlich habe ich als fanatischer Schachspieler dafür keine Zeit).

Bis bald!

#2 RE: Zur ewigen Frage nach der besten Tao-Te-King-Übersetzung von Wu 15.02.2021 12:15

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Meine Gewichtung ist eine andere. Am wichtigsten ist mir eine Nähe zum Original. Auch, dass die Mehrdeutigkeit nicht verloren geht (ohne in mystische Unklarheiten auszuweichen).
Ein anderer Punkt ist, dass sie nicht von den Hauptpunkten des Daoismus abweicht: Immanenz, Nichtwillentliches Tun, Ausrichtung am kosmischen, Natürlichen, nicht am menschlichen etc..
Und das es nicht vermischt wird mit westlich christlichen, westlich esoterischen, zenbuddhistischen oder neokonfuzianischen Gedanken.

Letztlich ist mir das auch wichtiger als eine einfache Sprache, Heideggers "Sein und Zeit" ist auch nicht einfach zu lesen, aber gerade in der Arbeit bei Erschließen eines Textes geschieht ja schon etwas.
Daher komm ich auch zu anderen Übersetzungen, die ich mag. (was für hier sicher ein Vorteil ist, wenn wir andere Fassungen favorisieren.)

Gerstner
Kalinke
Möller
Debes
Schwarz
Klaus
Ulenbrook

Seltsamer weise gibt es viele deutsche Übersetzungen, aber keine meines Wissens mit den kompletten Kommentaren von Wang Bi oder Heshan gibt. Auch die Übersetzung der Bambus-Fragmente, sozusagen der ältesten Schicht, gibt es nur von Kubin (wo ich aber die Übersetzung und seine Kommentare nicht so doll finde).

Viel interessantes zu Übersetzungen schreibt Wohlfart in Der Philosophische Daoismus, vor allem das Kapitel "Truth lies in Translation - Philosophisch-philologische Bemerkungen zu Wahrheit und Lüge von Übersetzungen am Beispiel der Schlusspassage von Kapitel 25 des Daodejing".

Wirkungsgeschichtlich ist sicher auch die von Gräser interessant, die aber als Übersetzung zwischen genial und total daneben schwankt. Aber Gräser war der Guru von Hermann Hesse, und Hesse ist auch die Herausgabe dieser "Übersetzung" (oder eher Neuschöpfung) zu verdanken.

#3 RE: Zur ewigen Frage nach der besten Tao-Te-King-Übersetzung von Wu 13.09.2021 12:53

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Mondrian Graf von Lüttichau hat vor Jahren versucht, die ja eigentlich pre-feudalistischen Ansätze im Laozi auf den Anarchismus umzumodeln, und eine sehr schöne interpretierende "Übersetzung", die er als Versuch einer Annäherung bezeichnet, geschaffen, die inzwischen online verfügbar ist. Und auch gute Kritiken bekommen hat.

https://autonomie-und-chaos.de/die-buech...nnt-laotse-2019

Der Begriff "umherschweifende Lebendigkeit" im Motto des Verlages gefällt mir.

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