#1 Die Schrift der Reinheit und Gelassenheit qingjing jing von Wu 05.01.2021 16:28

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Die Schrift der Reinheit und Gelassenheit (Friede/Stille/Ruhe)


Das qingjing jing ist ein sehr kurzer (391 Zeichen) aber sehr populärer daoistischer Text unbekannter Herkunft, der aus der ersten Hälfte der Tang Dynastie (618-906) stammt. Er ist im daoistischen Kanon (daozang) unter dem vollen Titel Tai-shang Lao-chun shou chang ching-ching miao ching enthalten, ebenso abgekürzt als ching-ching miao ching. Viele Kommentare wurden über diesen Text geschrieben, der früheste von Tu Kung-ting; andere von Pai Yu-chan in der Zeit der Sung Dynastie (960-1279) und von Li Tao-tsun während der Yuan periode (1271-1368).
Weil der vorliegende Text ein von Ko Hsuan verfasstes Nachwort hat, wird dieser manchmal als Autor vermutet. Jedoch erscheint es aufgrund der ?interne Kritik?
(Inhaltsanalyse) ziemlich sicher zu sein, dass die kleine Schrift nicht vor der Zeit der ‚Sechs Dynastien’ (420-589) geschrieben worden sein kann. Das Hauptargument dafür ist das starke Vertrauen auf buddhistische Ideen.
Das Hauptthema ist das Erreichen von Reinheit (qing) und Gelassenheit (ching).
Wenn der Mensch in Lage ist sein Bewusstsein von allen Begehrlichkeiten freizumachen, wird das Bewusstsein gelassen werden; ist das Bewusstsein ruhig und gelassen wird der Geist von selbst (spontan) klar. Dann werden die ‚sechs Begehrlichkeiten’ nicht aufsteigen und die ‚drei Vergiftungen’ werden zerstört werden. Durch die innere Schau des Menschen in sein Bewusstsein erkennt er das Nicht-Bewusstsein; durch die äußere Schau des Körpers erkennt er den Nicht-Körper; betrachtet er diese Dinge aus einer Distanz erkennt man den Zustand des Nicht-Seins (No-thing).Versteht man diese drei, sieht man nur die ‚Leere’ als die Natur der Realität; dann verschwindet alle Täuschung (Irreführung) und Entweihung (Verunreinigung) und man erreicht den Zustand der ewigen Reinheit und Gelassenheit.
Dieser kurze Text, unter den Daoisten so berühmt wie das Herz-Sutra für die Buddhisten, wird oft zur Rezitation verwendet und wird immer wieder nachgedruckt mit einem kurzen Kommentar zur freien Verteilung. Er ist bedeutsam für die daoistische Spiritualität.


Das große Dao hat keine Form;
Es bringt Himmel und Erde hervor und zeiht sie auf.
Das große Dao hat keine Gefühle;
Es reguliert den Lauf von Sonne und Mond.

Das große Dao hat keinen Namen;
Es nährt die unzähligen dinge und zieht sie auf.
Ich kenne seinen Namen nicht –
Daher rufe ich es „Dao“.

Das Dao kann rein oder trübe sein,
beweglich oder still.
Der Himmel ist rein, die Erde ist trübe;
Der Himmel bewegt sich, die Erde ist still (friedlich).
Das Männliche bewegt sich, das Weibliche ist still (friedlich).
Abstammend vom Ursprung
Dem Ende entgegenfließend
Werden die unzähligen Dinge geboren


Reinheit – die Quelle des Trüben.
Bewegung – die Wurzel der Stille.

Immer rein und still sein;
Himmel und Erde
Kehren zum Ursprünglichen zurück.

Der menschliche Geist mag die Reinheit,
Aber das Bewusstsein stört ihn.
Das menschliche Bewusstsein mag die Stille,
Aber Begehrlichkeiten mischen sich ein.

Befreie dich von Begehrlichkeiten zu deinem Wohle,
Und dein Bewusstsein wird ruhig sein.
Säubere dein Bewusstsein,
Und der Geist wird rein werden.

#2 RE: Die Schrift der Reinheit und Gelassenheit qingjing jing von Wu 05.01.2021 16:29

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Natürlich (dann) werden die sechs Begehrlichkeiten nicht aufsteigen,
Die drei Gifte/Vergiftungen sind zerstört.
Wer das nicht tun kann
Hat sein Bewusstsein noch nicht gesäubert
Seine Begehrlichkeiten sind noch nicht gewichen.

Diejenigen, die ihre Begehren losgelassen haben:
Beobachte dein Bewusstsein durch Selbstbeobachtung –
Und erkenne, dass dort kein Bewusstsein ist.

Dann beobacht den Körper,
Schaue auf dich selbst von außen –
Und sehe, da ist kein Körper.

Dann beobachte andere durch Schauen aus der Ferne –
Und sehe, dort sind keine anderen.

Wenn du diese drei erkannt hast,
Beobachte die Leere!

Nutze die Leere, die Leere zu beobachten,
Und sehe, da ist keine Leere.
Wenn auch die Leere nicht mehr ist
Dann ist auch nicht länger Nichtsein.

Ohne auch die Existenz des Nichtseins
Ist nur noch Gelassenheit,
Tiefgründig und ewig während.

Wenn Gelassenheit sich auflöst in Nichts –
Wie können dort Begehrlichkeiten sein?
Wenn keine Begehrlichkeiten aufsteigen
Hast du die wahre Stille gefunden.

In wahrer Stille, folge den Dingen;
In wahrer Dauerhaftigkeit erkenne die innere Natur.
Für immer folgend, für immer still –
Dies ist dauerhafte Reinheit, bleibende Stille.

In Reinheit und Stille,
Nach und nach in das wahre Dao eintreten.
Nach dem Eintritt ins wahre Dao ist es erkannt.

Obwohl wir von „erkennen“ sprechen,
ist dort eigentlich nichts zu erreichen.
Vielmehr sprechen wir von erkennen,
wenn jemand mit der Umwandlung der unzähligen Dinge beginnt.

Nur wer das angemessen verstanden hat
Ist es wert, die Weisheiten des Dao zu vermitteln.

Der höchste Herr kämpft nicht;
Der geringere Herr liebt den Kampf.
Höchste Tugend ist frei von Tugend;
Geringere Tugend klammert sich an Tugend.

Alles Anhängen und Festmachen
Haben nichts zu tun mit dem Dao und der Tugend.

#3 RE: Die Schrift der Reinheit und Gelassenheit qingjing jing von Wu 05.01.2021 16:29

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Menschen scheitern, dass Dao zu erkennen
Weil ihr Bewusstsein abweichend ist.
Abweichungen im Bewusstsein
Bedeutet, dass der Geist beunruhigt ist.

Beunruhigter Geist
Da ist Anhängen an die Dinge.
Anhängen an die Dinge,
Da ist Suchen und Begehren.

Suchen und Begehren
Da sind Leidenschaften und Kümmernisse.
Leidenschaften, Kümmernisse, Abweichungen und Vorstellungen
Beunruhigen und plagen Bewusstsein und Körper.

Dann verfällt man in Trübheit und Schande,
in Höhen und Tiefen, Leben und Tod.
Für immer versunken im Meer der Qualen
Ist man in Ewigkeit verloren für das wahre Dao.

Das Dao der wahren Beständigkeit
Wird ganz natürlich zu denen kommen, die verstehen.
Die, die die Verwirklichung des Dao verstehen
Werden für immer in der Reinheit und Stille ruhen.


Übersetzung von Anne aus
Thomas Cleary. The Taoist Classics Volume 3 (S. 87 – 116), übersetzte in Vitality, Energie, Spirit

#4 RE: Die Schrift der Reinheit und Gelassenheit qingjing jing von Wu 05.01.2021 16:30

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„Schrift über Reinheit und Ruhe“

Laozi sagte:
Das große Dao ist formlos.
Es erzeugt und nährt Himmel und Erde.
Das große Dao ist frei von Emotionen.
Es regelt den Lauf von Sonne und Mond.

Das große Dao ist namenlos.
Es lässt die zehntausend Wesen und
Dinge wachsen und nährt sie.

Ich kenne seinen Namen nicht.
Es benennend sage ich ‚Dao’.

Das Dao kann rein sein oder trüb,
in Bewegung oder in Ruhe.
Der Himmel ist rein, die Erde trüb,
der Himmel ist in Bewegung, die Erde in Ruhe.

Das Männliche ist rein, das Weibliche trüb,
das Männliche ist in Bewegung, das Weibliche in Ruhe.
Zur Wurzel hinabsteigend, zum Ende hin strömend
gebiert es die zehntausend Wesen und Dinge.

Das Reine ist die Quelle des Trüben.
Die Bewegung ist das Fundament der Ruhe.
Können die Menschen auf ewig rein und ruhig sein,
dann kehrt das gesamte Universum (zur Reinheit und Ruhe) zurück.

Der menschliche Geist liebt die Reinheit,
aber das Herz beeinträchtigt sie.
Das Herz liebt die Ruhe,
aber das Verlangen mischt sich ein. Kannst du dich deines Verlangens für immer entledigen,
wird das Herz von selbst ruhig.
Läutere dein Herz,
und dein Geist wird von selbst rein.
Dann entstehen wie von selbst nicht
mehr die sechs Arten des Verlangens,
und die drei Gifte werden zerstört.

Wenn du das nicht vermagst, dann ist
dein Herz noch nicht geläutert,
und du hast dich deines Verlangens
noch nicht entledigt.

Wenn du dich (deines Verlangens) entledigen konntest,
schaue nach innen auf dein Herz:
Da ist kein Herz.
Schaue nach außen auf deinen Körper:
Da ist kein Körper.
Schaue in die Ferne auf die Wesen und Dinge:
Da sind keine Wesen und Dinge.

Wenn du dieser drei inne geworden bist,
blickst du nur in die Leere.
Betrachte die Leere durch die Leere:
Da ist keine Leere.

Diese Leere entspricht dem Nicht-Seienden,
doch es besteht auch kein Nicht-Seiendes.
Wo selbst das Nicht-Seiende nicht mehr vorhanden ist,
waltet tiefe und ewige Gelassenheit.

#5 RE: Die Schrift der Reinheit und Gelassenheit qingjing jing von Wu 05.01.2021 16:31

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Wenn selbst die Gelassenheit nicht mehr besteht,
wie könnte dann Verlangen entstehen?
Wenn das Verlangen nicht entsteht,
so bedeutet dies die wahre Reinheit
und die wahre Ruhe.

In dieser wahren Ruhe gehe mit den
Wesen und Dingen mit,
und in wahrer Dauer gelange zu
deinem eigenen inneren Wesen.
Stets mitgehen und immer ruhig sein,
das sind die ewig Reinheit und Ruhe.

So rein und ruhig
Gehe Schritt für Schritt in das wahre Dao ein.
In das wahre Dao einzugehen,
heißt ‚das Dao erlangen’.

Obwohl wir sagen ‚das Dao erlangen’,
gibt es in Wirklichkeit nichts zu erlangen.
Die Vielzahl der Lebewesen zu verwandeln,
bedeutet ‚das Dao erlangen’.
Wer dessen inne werden kann,
darf das heilige Dao überliefern.

Laozi sagte:
Ein hoher Herr kämpft nicht,
ein geringer Herr kämpft gerne.
Die hohe Tugend ist frei von Tugenden,
die geringe Tugend ist den Tugenden verhaftet.
Jegliches Verhaftetsein widerspricht dem
Dao und der Tugend.

Die Menschen erlangen deshalb das
Wahre Dao nicht,
weil sie ein aufgewühltes Herz haben.
Wenn ihr Herz aufgewühlt ist,
ist auch ihr Geist erregt.
Wenn ihr Geist erregt ist,
dann nehmen die zehntausend Wesen
und Dinge Gestalt an.

Wenn die zehntausend Wesen und Dinge
Gestalt angenommen haben,
entstehen das Streben und die Suche.
Wenn es das Streben und die Suche gibt,
kommt es zu Irritationen und Sorgen.

Irritationen, Sorgen, Aufgewühltheit und Vorstellungen
Bringen dem Körper und dem Herzen Kummer und Leid.
Man stößt auf Trübes und Schändliches
und treibt auf den Wellen von Leben und Tod dahin.
Man versinkt für immer ins Meer des Leidens
und verliert auf ewig das wahre Dao.

Das Dao der wahren Ewigkeit:
Wer seiner inne wird, erlangt es von selbst.
Wer das Innerwerden des Dao erlangt,
weilt ewig in Reinheit und Ruhe.

Übersetzung Martina Darga

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